Verband deutscher Antiquare ILAB Genossenschaft der Internet-Antiquare Antiquariat HEUBERGER
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Aus dem Alltag eines Antiquars

Man schmeißt keine Bücher weg!

Eines der erstaunlichsten Phänomene, die ständig meinen Alltag begleiten ist die mir entgegengeschleuderte Bemerkung von Buchanbietern, nachdem ich leicht verschämt etwas von "Entsorgungsfall" vor mich hingemurmelt habe: "MAN SCHMEISST KEINE BÜCHER WEG!" Die Empörung in der Stimme des Anbieters ist unüberhörbar. Dabei entwickeln sich immer wieder die gleichen munteren Dialoge: "Kuckense mal, sowas haben Sie bestimmt noch nie gesehen!" - "Ähem, da haben Sie recht, dieses Rechenbuch von 1954 für die Grundstufe ist nämlich schon arg ramponiert, da fehlen Seiten, der hintere Deckel auch und auf dem vorderen ist wohl mal eine Flüssigkeit ausgelaufen." - "Entschuldigen Sie mal, da hat mein Vater noch draus gelernt, ich habe seine ganzen Schulbücher aufgehoben, die sind in den beiden anderen Kartons im Kofferraum, der war immerhin Finanzinspektor, ist jetzt leider aber ein Pflegefall geworden."
Während ich noch über diesen Satz vor mich hingrüble und dabei etwas unsicher auf den tatsächlich arg verdellten Kofferraumdeckel schiele, schält sich Frau Gemahlin mit einem leichten Ächzen vom Beifahrersitz ins Freie und fängt an, mir mit einem perlenbestickten Handtäschchen vor dem Gesicht herumzufuchteln. "Sehen Sie mal, was ich hier habe, ein Erbstück meiner Großmutter, da wollte ich eigentlich nur mal wissen, was das heute so wert ist, bei Ihbäi habe ich so was schon mal gesehen, aber das war nicht genauso, das Bild auch nicht so scharf und außerdem dunkelblau oder so." Bevor ich noch entgegnen kann, daß perlenbestickte Handtäschchen nicht gerade eine Spezialität von mir sind, fischt sie ein leicht müffelndes und schon etwas angeranztes Gesangbuch im Kleinoktav-Format heraus und hält es mir unter die Nase. Das spontan auftretende olfaktorische Unbehagen überspiele ich mit einem etwas gequetschten "Na, daf ift aber hübf." Dann fasle ich etwas von "ideellen Werten", der Tatsache, daß Gesangbücher zu den klassischen Erbstücken überhaupt gehören, ich selbst noch einige von meinen eigenen Altvorderen zuhause hätte und die nieeeemals verkaufen würde und: "geben Sie es doch an Ihre Kinder weiter". - Das war ein Fehler! - "Ach, die interessiert doch sowas garnicht mehr die sagen Mama vertick' das bei Ebay, gibs aufn Flohmarkt oder schmeiß' es weg (heftiges inneres Nicken meinerseits) aber das sind doch noch Werte das ist eine Antiquität und bestimmt selten so alt wie das ist, schaun Sie nur mal auf das gestickte Kreuz vorne drauf das ist bestimmt echt Silber und was krieg ich denn wenn ich es verkaufen täte?" (alles ohne einmal Luftzuholen) - Statt daß ich nun losplatze "Gott der Gerechte, dann vertickenses halt bei Ebay, geben einen Startpreis von 1 Euro ein und warten, was kommt!", frage ich sie, ihr meinen gierigsten Blick entgegenschleudernd "Würden sie dieses schöne Erbstück für 100 Euro abgeben?" Die Antwort in 100 von 100 derartigen Fällen ist "im Lääve nit, dann behalt ich dat eher'!" (zumindest in Köln). Der Rest ist einfach. Der etwas gestammelte Hinweis, daß man als Wiederverkäufer auch noch etwas verdienen müsse (lall!) ... dürfte allgemein vertraut sein und führt zu einem jähen Ende der Konversation. Zwischenzeitlich hat sich gottlob auch der verdellte Kofferraumdeckel wieder geschlossen, Vaters Schulbücher bleiben beleidigt in den Kartons zwischen dem leeren Wasserkasten und den noch verdreckten Wanderschuhen aus dem letzten Urlaub im Sudelfeld liegen. Man verläßt das Gelände im festen Glauben, daß Antiquare Ignoranten, Kulturbanausen und Halsabschneider seien und der schließlich seit langem persönlich bekannte Köbes Jupp (blauschürziger Bierbringer in Kölner Brauhäusern) aus dem "Sion Bräues" doch Recht hatte, als er damals vor 10 Jahren sagte "Marjellsche, dat, wasde mir da jetz' gezeischt hast, is wat janz besonderes, jib dat nie her, jedenfalls nit unter 1000 Mark, isch kenn' misch da aus, minge Oma hät auch so jet!"

Nun gut, der Alltag geht weiter. Ich eile ins Büro, weil das Telefon wieder mal alles zusammenschrillt (glauben Sie mir, das Rappeln eines W48-Apparates, Bj. 1958 und elfenbeinweiß übertrifft fast die Kreischgrenze von Justin Bieber-Fansinnen). - "Äh, ich habe da etwas gefunden auf dem Speicher, das ist noch von meinen Großeltern, ich weiß nicht, darf ich das verkaufen, es ist ... - "Ja, gell, es ist 'Mein Kampf', das haben die zur Hochzeit geschenkt gekriegt, nich?" - "Tatsächlich, woher wissen Sie das, kannten Sie meine Großeltern?" - "Grmpff" (leise) und "nein, aber das haben damals alle Großeltern auf dem Standesamt geschenkt bekommen" (laut). - "Was krieg'n ich heute dafür" - "Heute nix" - "Wie?" - "Heute haben wir schon 2 Stück gekauft, das reicht uns." - "Wie, gibts denn da noch so viele?" - "Ja" - "Wieviele denn?" - "Weiß ich nicht, vielleicht 1-2 Millionen." - "Bei Ihnen???" - "Schnorch! Arrrgh!" (leise) und "Neien!, aber auf fast allen Dachböden in unserem Land." (laut) - "Ach, und ich dachte, ich hätte da was Besonderes, so von damals, Sie wissen schon, höhöhö, und was soll ich jetzt damit machen?" - "Aufheben." - "Wieso, es ist mir doch garnicht runtergefallen." - "???" - Nach geraumer Zeit kapiere ich, was der nicht kapierte und spüre die ersten Anzeichen eines nervösen Juckreizes in der Nackengegend. Ich gebe dem Einfaltspinsel die Telefonnummer des in der ganzen Stadt übelbeleumundeten Flohmarkthändlers Johann Schab, genannt "der schäbige Schäng", der dauernd herumschwadroniert, daß er eine Hakenkreuzfahne als Tischtuch benutzt und sich an Karneval Anstecknadeln vom Winterhilfswerk ans Revers steckt. Sollen die zwei Irren selbst miteinander klarkommen.

Der nächste Anruf kommt wenig später. Ich habe die Zwischenzeit genutzt und mir eine Käsesemmel reingewürgt, dabei den Kölner "Express" überflogen und festgestellt, daß die Schreiberlinge dieses Blättchens offenbar größtenteils nebenerwerblich ZVAB-Mitgliedsantiquare sein müssen, denn deren Semantik, Grammatik und offensichtliche Bildungsresistenz riefen bei mir spontane Déjàvus hervor. Hilfsschulrhetorik im Zusammenhang mit inhaltlichen Banalitäten. - Nun gut, zurück zum Anruf: "Sie kaufen doch Bücher auf?" - "Ja, gerne" - "Was denn für Bücher?" - "Das würde etwas länger dauern, Ihnen das im Einzelnen aufzuzählen, vielleicht können Sie mir zunächst ungefähr sagen, was Sie denn anzubieten haben." - "Das sind soviele Bücher, das kann ich garnicht, so alles querbeet halt, meine Mutter hat viel gelesen und ist auch viel gereist, also über Italien hatte sie ganz viel, Reiseführer und Bildbände, sie war auch oft in Südtirol, besonders in Meran. Ja und dann die Bücher vom Vater, die sind auch noch da, der war in der Rechtspflege und hat da noch jede Menge Fachliteratur, ich glaube Verwaltungsrecht, sowas ist heutzutage bestimmt gefragt, da bin ich mir sicher, wir haben halt übers Wochenende mal ausgemistet." - Ich überlege noch, wie ich aus dieser Nummer rauskomme, meinen ersten Gedanken "Entschuldigen Sie bitte, aber mein Antiquariat wird gerade überfallen, rufen Sie später nochmal an" verwerfe ich und empfehle stattdessen die nächste Oxfam-Niederlassung, obwohl ich Schelm ganz genau weiß, daß die alles annehmen außer gebrauchte Socken und Bücher. Von beiden haben die nämlich die Nase gestrichen voll.

Ein Mensch kommt einhergeradelt. Bebrillt, grüne Latzhose und Gesundheitssandalen. Den Packtaschen des leicht angerosteten Drahtesels entnimmt er zwei prallgefüllte Jutebeutel und betritt das Geschäft. - "Sie kaufen doch Bücher?" (Den Satz hatte ich schon irgendwann mal gehört). - Daraufhin wird das übliche Ritual abgespult, der Anbieter entnimmt seinen offenbar schon mehrfach variabel eingesetzten Beuteln ein Buch nach dem andern (ein Salatblatt hat sich als Lesezeichen in "Nicht ohne meine Tochter" verirrt), legt es auf den Tisch und nennt mir dabei laut und deutlich den jeweiligen Titel. Als ob ich ein Analphabet wäre. Dabei mit einem Unterton, als würde er mir eine literarische Sensation nach der anderen vorlegen. Die mitgelieferte wortreiche Anamnese jedes einzelnen Buches blende ich akustisch aus, murmle lediglich ein leises "Ja, ja, habent sua fata libelli" und schicke ihn nach 8 Minuten mit seinen Schätzen wieder fort. Die etwas resigniert dahingeraunzte Bemerkung "wieso will die keiner haben, von Castaneda können wir doch noch heute lernen, Sie sind schon das 5. Antiquariat und dafür radle ich extra über die Deutzer Brücke" überhöre ich gnadenlos, wünsche noch einen schönen Tag und Castanedas Segen. Zurück zum Schreibtisch. Hurra! Outlook hat eine Bestellung ausgespuckt! Nachdem mit den letzten 7 E-Mails die üblichen Millionengeschenke nigerianischer Regierungsbeamter reinkamen, eine Erika sagt, du bist Alkoholiker" (woher weiß die das nur?), mir Nacktfotos meiner Nachbarin angekündigt wurden (hoffentlich nicht!!!) und ein sicherer 5000 Euro Gewinn, endlich etwas Sinnvolles. Eine Buchbestellung. Also nicht direkt. Eher eine Anfrage. "Sie haben da ein Buch, das mich sehr interessiert, den 1. Band von Dincklages "Geschichten aus dem Emslande" von 1872. Das trifft sich gut, ich habe nämlich den 2. Band und damit könnte ich mein Exemplar komplettieren. Allerdings sind Ihre geforderten 60 Euro viel zu hoch, es ist ja nur der 1. Band, das Ganze also unvollständig, für so ein inkomplettes Exemplar zahle ich höchstens 35 Euro einschließlich Versandkosten, sollten Sie meine Konditionen akzeptieren, schicken Sie es mir unverzüglich zu ..." - Ich denke kurz über die Logik der Gedankengänge dieses Menschen nach, schicke eine knappe aber freundliche Antwort-Mail zurück mit dem Hinweis auf meine eigenen Konditionen und lösche anschließend den Vorgang.
Der Ding-Dong der Ladentür macht sich bemerkbar. Ah, ein Besucher betritt das Antiquariat! Ein mir völlig unbekannter Mensch begrüßt mich fröhlich mit laut dröhnender Stimme: "Na, haben Sie wieder etwas für mich da?" Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was der meint und antworte vorsichtig "nun, wir haben in letzter Zeit viel neues reinbekommen, schaun wir mal, sammeln Sie immer noch?" - "Na klar, wissen Sie doch, als ich letzthin ich glaube so vor 3 Jahren bei Ihnen war erzählte ich Ihnen doch von meiner Baedeker-Sammlung und daß mir der Athen-Baedeker von 1896 noch fehlt, also den such' ich immer noch und heute komme ich zufällig in der Gegend vorbei ich war nämlich bei der Fußpflegerin um die Ecke und dachte, schau mal rein, vielleicht hattern ja zufällig herumliegen, dann würde er mich schon interessieren, also wenn der Preis stimmt, nehme ich ihn gleich mit, schön haben Sie's hier übrigens." - Ich überlege, wie ich dieser Chuzpe begegnen soll (das Ding ist noch seltener als eine prompt zahlende Buchhandlung und kostet unter Brüdern mindestens 5000 Euro), da habe ich eine Idee. Ich antworte, mein bedauerndstes Gesicht aufsetzend "das tut mir jetzt echt leid, der wurde mir letzte Woche noch angeboten, ich habe aber nicht gekauft, der wollte doch tatsächlich 500 Euro dafür haben." - "500 Euro? Dafür hätt'n ich auch gekauft." - "Und was sollte ich dann daran noch verdient haben?" - "Na gut, ich hätte noch 50 Euro draufgelegt, aber Sie können mir gern die Adresse von dem Anbieter geben, ich kann mich auch selbst mit ihm in Verbindung setzen." - "Nee Komma is' klar, ich glaube, ich kauf' dem den Baedeker doch lieber selber ab, scheint ja doch recht günstig zu sein der Preis, wenn Sie das jetzt so sagen, dann können Sie ja gelegentlich noch mal vorbeikommen und wir schau'n mal." - Er blickt mich kurz an, als ob er mich erwürgen wolle, gibt ein "Aaah so ist das also" von sich, dreht sich rum und verläßt leicht schlurfend den Laden. Er scheint in seinen Kaschmir-Mantel hineingekrochen zu sein, der erscheint jedenfalls im Moment drei Nummern zu groß.

Ich denke noch einen Moment liebevoll an meinen Athen-Baedeker, der bereits seit mehreren Wochen wohlverschlossen im Büro in meinem Schränkchen für besondere Gelegenheiten schlummert, da betritt Herr Zirngiebel das Geschäft, schwungvoll seinen Rollator vor sich herschiebend. Herr Zirngiebel ist sehr nett und geht nicht nur auf die 90 sondern auch zielstrebig auf mein Erotica-Schränkchen zu. Dort findet er nach kurzer Zeit ein hübsches Exemplar der Mutzenbacherin von Rogner & Bernhard mit dem nett illustrierten Schutzumschlag. Das übliche Procedere erfolgt. Während er mir ein weiteres mal über seine prüde und eifersüchtige Ehefrau berichtet, entferne ich den Schutzumschlag und anschließend mit einem scharfen Messer die illustrierten Vorsätze und das Titelblatt. Aus der großen Schachtel mit den losen Schutzumschlägen wähle ich einen passenden von Konrad Lorenz, da trägt der irgend ein Federvieh auf dem Kopf und lege ihn um die Frau Mutzenbacher herum. Herr Zirngiebel ist sehr zufrieden.

Es ist ruhig heute. So habe ich Muße, die drei Umzugskartons mit Schallplatten zu inspizieren, die ich mitgeschleppt hatte, als ich vor 4 Wochen den Nachlaß eines Geschichtslehrers aus Bergisch Gladbach übernommen hatte. Alte Schallplatten sind nämlich meine private Leidenschaft. Was entdecke ich diesmal? Den übliche Klassik-Kram, die obligatorischen Lieder vom Rhein und Peter Alexander satt. Überraschenderweise keinen James Last. Aber auf einmal zwanzig Zentimeter Jazz ! Was hat den Geschichtslehrer da nur geritten? Sarah Vaughan, Duke Ellington, sogar Cal Tjader. Und plötzlich Charly Antolinis "Knock Out" in der "direct-to disc"-Pressung. Das wars dann. Nach Feierabend wandere ich fröhlich nach Hause, meinen Charly Antolini unterm Arm geklemmt und mit dem Gedanken, es war wieder ein schöner Tag im Antiquariat.

So einfach ist das manchmal.